Von Eisbären und Nordlichtern – ein Leben am Rande der Zivilisation


Eins der zwei einzigen Eisbärenwarnschilder weltweit. Das andere steht 2 Kilometer auf der anderen Seite des Ortes.

Longyearbyen in der Nacht.

21. Februar 2015. Longyearbyen, Svalbard. 1300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Ich steige aus dem Flugzeug, im Wissen, dass der Nordpol für die nächsten sechs Wochen näher sein wird als der nächste McDonalds. Es gibt hier mehr Eisbären (3000) als Einwohner (2600). Die “Stadt” darf nur mit Gewehr verlassen werden. Die kälteste jemals gemessene Temperatur waren -46.3°C. Zwischen November und Februar gibt es kein Tageslicht. Warum in Gottes Namen sollte jemand hier freiwillig herkommen? Die Antwort ist: Der Nordpol ist näher als der nächste McDonalds. Es gibt hier mehr Eisbären (3000) als Einwohner (2600). Die “Stadt” darf nur mit Gewehr verlassen werden.

Vor 15 Jahren fiel meinem elf Jahre alten Ich die Geschichte von Sir Ernest Shackleton und seiner beinahe tödlichen Antarktis-Exkursion in die Hände. Seitdem wollte ich diesen wilden, sagenumwobenen Ort mit meinen eigenen Augen sehen. Jetzt konnte ich also endlich einen Haken hinter diesen Punkt auf meiner persönlichen Dinge-die-ich-tun-muss-bevor-ich-sterbe-Liste setzen, obwohl ich mich, anders als Shackleton, für die gemütlichere Hemisphäre entschieden habe. Trotzdem sind die Gegenwart von riesigen, schneebedeckten Bergen und das beunruhigende Gefühl, dass ich und 2599 andere die einzigen menschlichen Seelen in einem Umkreis von 1000 Kilometern sind. Und dann ist da noch die ständige unterschwellige Gefahr, einen Eisbären von innen zu sehen. Es erinnert einen daran, dass es immer noch Orte gibt, wo Menschen sich an die Natur anpassen müssen und nicht anders herum.

Der Wunsch, diesen Ort zu erhalten, ist der Grund, warum ich mich in meinem Studium der Polarforschung widme. Obwohl ich vor meinem Trip nach Svalbard schon fast zwei Jahre in der Meereisfernerkundung gearbeitet hatte, hatte ich Meereis noch nie selbst gesehen. Als eine Freundin mir von UNIS (University Centre of Svalbard, www.unis.no) erzählte, wusste ich sofort dass das die Chance war, Feldarbeit mit meinem Kindheitswunsch, in die Arktis zu reisen, in Einklang zu bringen. Der vierwöchige Blockkurs “Remote Sensing of the Cryosphere” (Fernerkundung der Kryosphäre) passte perfekt zu meinem Studium. Durch das breite Angebot an naturwissenschaftlichen und technologischen Kursen ist aber für jede*n, der/die sich im Studium mit der Arktis beschäftigt, etwas dabei. Wir hatten an vier Tagen in der Woche Vorlesungen und Übungen. Am fünften Tag waren Exkursionen angesagt. So konnten wir den Stoff aus der Vorlesung direkt im Feld untersuchen. Nach dem obligatorischen Sicherheitskurs inklusive Schießtraining, dem Retten von Lawinenopfern und anderen Überlebenstechniken konnten wir loslegen. Das Bauchgefühl, das mir diese Exkursionen vermittelt haben, ist für mich aus heutiger Sicht unerlässlich, um vernünftige Wissenschaft zu machen. In meinem gemütlichen Büro in den mittleren Breiten hätte ich das niemals kriegen können.

pic4_bike_copyright

Offensichtlich eher ein Sommer-Verkehrsmittel.

Ich kann mich kaum entscheiden, welche Erfahrung mich am meisten beeindruckt hat. Daher liste ich einfach mal einige in willkürlicher Reihenfolge auf: Ich habe Rentiere und Polarfüchse gesehen. Täglich. Im Dorf. Wir sind an sonnigen Tagen unter blauem Himmel mit Schneemobilen über schneebedeckte Gletscher gefahren. Wir haben in kompletter Dunkelheit Sterne und Nordlichter angeschaut. Wir haben Gletscherhöhlen erkundet. Wir sind stundenlang über Berge und Gletscher gelandet und haben in selber gegrabenen Schneehöhlen Pause gemacht. Ich könnte ewig so weitermachen. Selbst in der Uni glich die Atmosphäre eher einer Skihütte als einem Forschungsinstitut: Einmal die Woche saßen wir drinnen bei einem Bier um ein Lagerfeuer, die Hälfte der Leute lief in Skiunterwäsche herum und jeder hatte sein persönliches Paar Hausschuhe.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ich musste sofort an einen Frauentanzschuh denken, als ich das in einer Gletscherhöhle entdeckt habe.

Falls ich es bis hierhin noch nicht geschafft habe, euch mit meinem Enthusiasmus anzustecken, noch ein Fun Fact zum Schluss: Svalbard ist internationales Territorium. Dadurch kann jeder Bürger eines Landes, das dem Svalbard-Vertrag beigetreten ist, hier ohne Visum leben. Sich bei 78°N in der Sauna mit einem Burmesen zu unterhalten und im nördlichsten Thai-Restaurant der Welt zu Abend zu essen gehören definitiv zu den surrealsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Kontaktiert mich gerne falls ich euer Interesse geweckt habe, ihr mehr Abenteuergeschichten hören wollt oder überlegt, selbst den letzten Außenposten der Zivilisation zu besuchen!

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.